Tipps

X. Interkulturelle - bikulturelle Partnerschaft


1. Die Kultur prägt die tiefsten Schichten des Herzens

Viele Ehen werden heute zwischen Menschen verschiedener Länder oder Kulturen geschlossen: Italiener heiraten Schweizerinnen, Schweizerinnen heiraten Spanier, Amerikaner heiraten Japanerinnen, Brasilianerinnen heiraten Deutsche... Die Liste ist fast beliebig lang. Laut Angaben des Bundesamtes für Statistik (BSF) sind im Jahr 2007 49.7% aller in der Schweiz geschlossenen Ehen binational.
Schweizerin heiratet Ausländer: 20.8%
Schweizer heriatet Ausländerin: 22.4%
Ausländerin heiratet Ausländer*: 6.5%

Schon jede Familie in ein und demselben Dorf hat ihre eigene "Kultur", ihre Gewohnheiten und ihre Eigenart. Darum sind Flexibilität und Toleranz schon bei Beziehungen unter benachbarten Partnern gefragt, wenn zwei Menschen zu einer beglückenden Partnerschaft aufbrechen.


2. Fremdheit: anziehend und verlockend

Die Unterschiede werden aber ganz gewaltig, wenn zwei fremde Kulturen sich begegnen. Jetzt kommen viel grundlegendere Unterschiede zum Tragen, und, was vor allem bedeutsam ist, es sind Unterschiede, die meist nicht sehr bewusst sind. Der kulturelle Nährboden ist für jeden Menschen derart selbstverständlich und normal, dass alles Abweichende zunächst abnormal ist, von der Norm abweicht. Als solche ist die Fremdheit allerdings auch speziell anziehend. In einer interkulturellen Ehe treffen also zwei Menschen aufeinander, die sich bald einmal gegenseitig als "abnormal" erleben. Zunächst ist die Fremdheit spannend, es ist bezaubernd, einen exotischen Menschen zu lieben. Er oder sie eignet sich auch hervorragend, alle Träume von Partnerschaft in diese fremde Seele zu projizieren. Die Enttäuschung wird entsprechend gross sein, wenn das Traumbild zerfällt.


3. Kenntnis der andern Kultur

Manchmal heiraten zwei Menschen zweier Kulturen ohne grosse Kenntnisse der andern Kultur. Sie wissen nicht, wie die andere Kultur mit Menschen umgeht oder wie man dort Feste feiert. Wie heiratet man in Japan ? Wer hat die Autorität in einer albanischen Familie und wie zeigt sie sich. Wie geht man in Brasilien mit Familienangehörigen um, wie ist die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in Südafrika, was erwartet ein Indonesier von seiner Frau, welche Familienfeste feiert man in Israel, wie erzieht man einen Sohn oder eine Tochter in Spanien - es gibt tausend Unterschiede von Land zu Land. Viele wesentlichen Besonderheiten liegen nicht an der Oberfläche, sie liegen tief, so tief, dass sie den Einheimischen gar nicht bewusst sind, gerade so wie wir unseren Herzschlag nicht wahrnehmen, solange das Herz gesund arbeitet.

Ein Witzchen dazwischen

"Ich habe ja nichts gegen die Leute - aber würden Sie Ihre Schwester so einen kleinen Grünen heiraten lassen?"

Und etwas seriöser..

"Unsere Ehe ist schon etwas Besonderes. Ein Ukrainer mit einer Amerikanerin verheiratet und dazwischen die italienische Sprache. Das ist eine facettenreiche Beziehung." Shevchenko(2006), Torschützenkönig Italiens bei AC Milan, lebte damals mir Frau und Kind in Como.
Heute aktueller ukrainischer Rekordnationalspieler und Rekordtorschütze der Ukraine


4. Unterschiedliches Menschsein leben

Keine Frage also: Kulturverschiedene Paare nehmen es auf sich, ganz gewaltige Unterschiede von "Menschsein" zu erleben, zu geniessen und zu erleiden. Dass da Fragen, Themen und auch Probleme auftreten, ist nicht überraschend, es ist zu erwarten. Wer dieses Wagnis, noch grösser als jenes der Ehe ohnehin schon darstellt, auf sich nimmt, hat Mut und geht einen besonders faszinierenden Weg. Ob er alles in allem risikoreicher ist als der monokulturelle, ist nicht bewiesen.

Das Thema ist so weit, dass ich hier noch vorsichtiger bin mit Tipps. Diese sind immer gefährlich und müssten bei interkulturellen Paaren abgestimmt sein auf deren Zusammensetzung und auf die Fragen, die aufsteigen. Es kann sich hier also nur um ein paar Anregungen oder Gesichtspunkte handeln, die zu besprechen und zu bedenken ich Ihnen empfehle.


5. Kollektivistische und individualistische Werthaltung

Sie wissen, dass man die Völker grob in zwei Hauptgruppen einteilen kann, in solche mit kollektivistischer Werthaltung (z.B. Asiaten), und solche mit individualistischer Werteinstellung (z.B. Deutsche oder Briten). Zu welcher Gruppe gehören Sie selbst, zu welcher Ihr Partner/Ihre Partnerin ? Versuchen Sie im Gespräch mit dem Partner/der Partnerin auf Grund der Auflistung herauszufinden, wo Sie sich unterscheiden und was daraus folgen könnte. Auch wenn Sie zur selben Gruppe gehören, gibt es wahrscheinlich noch viele Unterschiede, die Sie beide von Haus aus mitbringen.

Unterschiede zwischen kollektivistischer und individualistischer Werthaltung:

Kollektivistisch Individualistisch
  • Harmonie ist ein hoher Wert
  • Konflikte gehören zum Alltag
  • Man will nach aussen das Gesicht wahren
  • Fehler zu machen ist keine Schande, Ehrlichkeit wird erwartet
  • Es gibt enge Bande zu den Mitgliedern der Grossfamilie
  • Die Bindung zur erweiterten Familie sind locker
  • Macht ist ungleich verteilt
  • Wettkampf ist legitim
  • Konfrontation ist ein Tabu
  • Konfrontation ist erlaubt und alltäglich
  • Beziehungen werden über lange Zeit hin aufgebaut und halten lang
  • Es gibt Beziehungen, auch wenn sie nur für kurze Zeit dauern
  • Jede Person ist auf die Gemeinschaft hin orientiert
  • Die Autonomie des Einzelnen ist ein hoher Wert
  • Bei sozialen Anlässen muss man dabei sein und mitmachen
  • Auch als Gruppenmitglied darf man seine eigenen Wege gehen

  • 6. Beziehung

    Es gibt Kulturen, die eine patriarchale Beziehung kennen (z.B.Griechenland), andere eine Beziehung der Gleichberechtigung (z.B. England). Bedenkt man, dass in vielen Kulturen die Grossfamilie, in andern nur die Kernfamilie zum Familienkreis zählt und dass die hierarchische Stellung der Kinder variiert, dann wird deutlich, dass Missverständnisse oder Verletzungen vor der Tür stehen. In all diesen Fällen würde ich raten: Zeichnen Sie beide auf, wie sie sich die Rangordnung in der Partnerschaft vorstellen, die Rangordnung der Eltern zu den Kindern und jene zwischen den Kindern, und wie eng Sie sich die Beziehungen zu den weiteren Familien- und Grossfamilienmitgliedern vorstellen. Anschliessend vergleichen Sie die Aufzeichnungen und Sie werden viel Gesprächsstoff haben bis zum Tag, an welchem Sie die Sichtweisen verstehen und für ihre Partnerschaft zusammengebracht haben.


    7. Allein oder isoliert in der Fremde

    Vielleicht leben Sie oder lebt Ihr Partner/Ihre Partnerin fern von der eigenen Familie. Der andere Teil aber hat seine Familienangehörigen in der Nähe. Dann braucht es besondere Sorgfalt, dass die "Heimmannschaft" nicht zu stark wird. Es ist verständlich und wichtig, dass der emigrierte Teil den Kontakt mit seiner Familie im Ausland auf seine Weise gestaltet. Dass dies auch Geld kostet, wird manchmal in der Beratung ein Thema, obwohl es eine banale Feststellung ist.

    In einem Land zu leben, das Ausländer nicht nur vorurteilslos behandelt, wird es besonders dringlich, dass interkulturelle Paare ein Netz von Bekannten und Freunden aufbauen, wo sie sich verstanden und angenommen fühlen.


    8. Welche Muttersprache

    Viele interkulturellen Paare haben Sprachprobleme. In manchen Fällen lernt einer der beiden Partner die Sprache des andern schneller als umgekehrt, aber dieser Einsatz braucht ein Entgegenkommen. Manchmal weichen beide Partner von der Muttersprache auf eine Drittsprache aus, vor allem wenn die Kinder eine dritte Sprache ins Haus bringen. Immer bedeutet eine andere Sprache auch eine andere Welt des Denkens und Fühlens. Nonverbale Verständigung und die Körpersprache sind scheinbar einfacher zu verstehen, aber auch da kann es Missverständnisse geben. Erst die Worte bringen Klarheit und Gewissheit. Bei Übersetzungen sind Sinnverschiebungen unumgänglich. Rechnen Sie damit, dass einige Ihrer Probleme darauf zurückgehen, dass Sie in zwei verschiedene Muttersprachen aufgewachsen sind.

    Ich habe selbst mehrere Jahre mit Dolmetscherinnen gearbeitet und ich weiss, wie viele Missverständnisse aufkommen können. Für Menschen mit Humor kann das allerdings auch lustige und erheiternde Folgen haben. Humor gibt nicht nur interkulturellen Paaren eine güstigere Prognose.


    9. Frage nach dem Sinn

    Wie stellt ein interkulturell zusammengesetztes Paar Sinn her ? Sicher macht die Liebe immer den Hauptsinn aus. Doch wo sie selbst in die Krise gerät, sind weitere Sinnnetze gesucht. Kulturen, insbesondere Religionen, geben Antworten auf die Sinnfrage. Wozu leben wir, was macht das Leben lebenswert ? Manch ein Partner/eine Partnerin in interkultureller Partnerschaft wird erfahren, dass er/sie sich bei der Antwort auf solche Fragen ziemlich allein vorkommt. Der Partner/die Partnerin wird andere Antworten geben, andere oder keine Gebete sprechen, mit einer andern Lebensphilosophie durch die Jahre gehen. Das kann sehr schmerzlich werden, besonders wenn beide Partner die Kinder in ihre Denkrichtung bringen möchten. Es kann auch bereichernd und anregend sein, wenn zwei tolerante und suchende Menschen sich echt weiter entwickeln. In schwierigeren Fällen würde ich zu einem Gespräch mit einer toleranten und kompetenten Fachperson raten.


    10. Andere Partnerschaftsfragen

    So wichtig all die voranstehenden Gesichtspunkte bei interkulturellen Paaren sind, so gewiss ist es anderseits, dass natürlich auch Fragen und Probleme auftreten, wie sie in jeder Beziehung auftreten können. Es werden Themen aufkommen, die nicht in erster Linie mit der Kulturverschiedenheit zusammenhängen. Bei solchen Fragen werden Sie mit Gewinn auch die andern Seiten dieser Homepage beachten. Die Fragebogen sind möglicherweise auch für Sie aufschlussreich.

    Von Interesse kann die Adresse Binational: für interkulturelle Paare" in Zürich sein.


    E-Learning Kurs:
    Internetberatung lernen.

    Buch 2015:
    Wenn der Liebeskompass spinnt
    Hier mehr Infos
    _________________________

    Gesundheitsförderungspreis des Kantons Aargau

    Hier stehen für Sie fünf Tests bereit!

    Beziehungstipps